Die Grenzen und Grenzsteine der Buchschlager Gemarkung
Im Januar 2026 erhielt ich eine E-Mail von Herrn Warzecha aus Buchschlag. Er habe in der Nähe des Bahnhofs Buchschlag einen Stein gefunden, der auf dieser Website bislang nicht erwähnt sei. Wir verabredeten uns, und ich folgte ihm auf einem
Die quaderförmigen Basaltsteine mit eingemeißeltem „G“ und einer Grundfläche von 20 × 20 cm hatte ich bereits vor etwa 15 Jahren entlang der Dreieichbahn entdeckt. Damals interpretierte ich sie als „Eisenbahnsteine“, die das Grundstück der Bahnlinie markierten. Heute ist klar: Es handelt sich – wie bei den nun westlich der Bahnlinie gefundenen Exemplaren – um Gemarkungssteine, die vermutlich um 1905 gesetzt wurden.
Diese neuen Erkenntnisse sind Anlass genug, sich näher mit den Gemarkungsgrenzen Buchschlags und ihren Veränderungen im Laufe der Zeit zu befassen.
Die Entstehung der Gemarkung Buchschlag 1905
Nach
längeren Verhandlungen mit dem Großherzog erreichte
die
von Jakob Latscha gegründete „Wohnungsgesellschaft
Buchschlag“ im Jahr 1904,
dass die Großherzogliche Domanialverwaltung ein
Gelände für die geplante
Waldkolonie zur Verfügung stellte. Dieses Areal wurde begrenzt
von der heutigen
Buchschlager Allee, dem Bogenweg, dem Hengstbach und der
Main-Neckar-Bahn (Plan1)1905 wurde die eigenständige Gemarkung Buchschlag aus dem Domanialwald Mitteldick herausgelöst. Die Grenzen waren klar definiert: im Westen: die Main-Neckar-Bahn, im Süden: die Dreieichbahn, im Osten: die Gemarkung Sprendlingen, im Norden: der ehemalige isenburgische Forst Dreieich. Die östlichen und nördlichen Abschnitte entsprachen der historischen Landesgrenze zwischen Isenburg und Hessen-Darmstadt (s. Plan 2, aus dem Buch "Buchschlag, Geschicht und Geschichten").
Die alte Westgrenze
Ein Problem ergab sich jedoch: Das Bahnwärterhaus westlich
des Bahnübergangs sollte sinnvollerweise auf Buchschlager Gemarkungsgebiet
liegen. Daher führten die Geometer die Grenze um das Gebäude herum. Von dort
lief sie in spitzem Winkel durch den Wald wieder auf die Bahnlinie zu. Genau in diesem Abschnitt stehen die neu entdeckten fünf
Grenzsteine, die mehr oder weniger schief im Boden steckten und teilweise mit
weißer Farbe markiert waren.
Die alte Südgrenze
Vom Bahnübergang aus verlief die Grenze etwa 400 Meter
parallel zur Bahnlinie Richtung Süden, bevor sie die Main-Neckar-Bahn querte.
Dort markierte der Stein DRB 01 den Verlauf. Anschließend überquerte die Grenze
die Dreieichbahn (früher: „Nebenbahn Sprendlingen – Ober-Roden“) und traf auf
Stein DRB 10. Von dort folgte sie der Bahntrasse, bis sie rund 200 Meter hinter
dem Waldrand auf die historische Landesgrenze. Entlang der Bahnlinie konnte ich insgesamt 19 dieser
Basaltsteine finden. Sie sind auf der Karte mit roten Punkten markiert.
Aufgrund des dichten Bewuchses am Bahndamm dürften jedoch nicht alle erhaltenen
Steine entdeckt worden sein.
Nördlich von DRB 10 befinden sich drei weitere Grenzsteine
(in der Karte gelb markiert). Dabei handelt es sich jedoch nicht um
Gemarkungsgrenzsteine, sondern um sogenannte Gütersteine. Sie grenzen das
Eigentum der Deutschen Bahn vom Staatsforst ab. Diese gewölbten Steine bestehen
aus rotem Sandstein. Die Vermessungsarbeiten für die Dreieichbahn erfolgten
nämlich früher als die Festlegung der Buchschlager Gemarkungsgrenze.
Die alte Grenzline im Osten und Norden
Die Grenze entlang
der Dreieichbahn verlief ca 200 Meter über den
Waldrand hinaus und folgte dann der historischen Y-HD Grenze nach
Norden bis zur Einmündung der Buchwaldstraße in die
Eisenbahnstraße. Sie verlief quer durch das Gelände
der
damaligen Zahnfabrik. Das freie Geläde zwischen der Grenze und
dem Waldrand war die "Buchwiese" (s. unten). Die Westseite der
Buchwaldstraße bildete im weiteren Verlauf die
Grenze. In diesem Abschnitt sind die Grenzsteine verloren gegangen. Am "Alten
Grenzweg" stehen die Steine Y-HD N49 und N48 und an
der Grenze
zum ehemaligen Forst Dreieich die Steine Y-HD N45,
N42 und N41. Der
Stein Y-HDN 43 wurde in einem Buchschlager Privatgarten
gesichert (s. Abb. unten). 
Die Abbildungen zeigen die Steine Y-HD N49, Y-HD N48, Y-HD N45, Y-HD N43, Y-HD N42 und Y-HD N41. Eine Besonderheit bei Stein Y-HD N45: Ein Zaunpfahl wurde in den Kopf des Steines einbetoniert. Hinter Stein Y-HD N41 stößt die Gemarkungsgrenze an die Main-Neckar-Bahn, womit wir die Gemarkung von 1905 einmal umrundet haben.
<Die Links hinter den Steinbezeichnungen leiten auf die entsprechenden Datenblätter, die im Bürger-GIS hinterlegt sind.>
Einschub: Der Buchschlager Friedhof
Der Buchschlager Friedhof liegt nicht auf Buchschlager
Gemarkungsgebiet, sondern im Domanialwald Mitteldick – und zudem relativ weit
vom damaligen Gemeindezentrum entfernt.Zwar ist nachvollziehbar, dass man ihn nicht in
unmittelbarer Nähe der Sickergruben der Kanalisation anlegen wollte. Doch
ebenso gut hätte man ihn gegenüber dem Bahnhof platzieren können – dort wäre er
deutlich besser erreichbar gewesen.
Bemerkenswert ist, dass auf Plänen von 1905–1910 kein
Friedhof eingezeichnet ist. Auf
einem Messtischblatt von 1923 findet sich
jedoch ein „Frdhf.“ nahe der Gehespitz-Schneise. Überträgt man diesen Ort auf
den Plan von 1910, liegt die Vermutung nahe, dass ursprünglich ein Friedhof in
der äußersten nordöstlichen Ecke der Gemarkung geplant war.
Warum wurde er dort nicht realisiert? Möglicherweise war das Grundstück als Bauland wertvoller als als Friedhofsfläche, die man im Domanialwald günstiger erhalten konnte.
Allerdings handelt es sich bei diesen Überlegungen nur um
begründete Spekulationen – solange keine entsprechenden Dokumente vorliegen.
Grenzänderung 1934: Landhauskolonie Breitensee
Eine erste Änderung der Gemarkungsgrenze erfolgte 1934 im
Zuge der Gründung der Landhauskolonie Breitensee.
Friedrich Moessinger, Eigentümer des Hofguts Mariahall in
Sprendlingen, trieb ab 1932 die Vermarktung des Geländes einer ehemaligen
Trabrennbahn voran. Während Sprendlingen das Projekt als
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begrüßte, leistete das exklusive Buchschlag
erbitterten Widerstand. Man befürchtete einen Wertverlust der
Villengrundstücke.
Trotz der Proteste wurde der Bau genehmigt. Zur Beendigung der Auseinandersetzungen kam es Ende 1933 zu einer Umgemarkung: Breitensee wurde Teil von Buchschlag; im Gegenzug übernahm Buchschlag die Kosten für die Wasserleitungen. Bis 1940 entstanden 40 Häuser – deutlich günstiger als im Alt-Buchschlag.
Auf der Karte sind
die ehemalige Gemarkungsgrenze in blau und die Standorte der
historischen Landesgrenzsteine als gelbe Punkte eingezeichnet.
Grenzänderung 1948/49: Die Buchwiese
Nach dem Krieg beantragte Sprendlingen die Umgemarkung der
Buchwiese – des Areals zwischen Zahnfabrik, Dreieichbahn, Eisenbahnstraße und
Waldrand. Buchschlag lehnte dies strikt ab. Die
Begründung: „Zum Schutz der Eigenart muss die
Gemeinde Buchschlag mit vollem Recht großes Gewicht darauf
legen, daß die Buchwiese als „ästhetischer
Schutzstreifen“ gegenüber der Gemeinde Buchschlag
erhalten bleibt.“.
Die Umgemarkung erfolgte dennoch und die
Buchwiese konnte bebaut werden. Auch die Zahnfabrik und die
Gaszählerfabrik lagen jetz in der Sprendlinger Gemarkung.
Sprendlingen versuchte
später, einen Waldstreifen einzubeziehen, um die Westseite der
Oisterwijker
Straße (damals Ringstraße) bebauen zu können. Dies kam
glücklicherweise nicht zustande.
Grenzänderungen 1954 durch die Auflösung der Gemarkung Mitteldick
Der frühere Domanialwald Mitteldick war ursprünglich
Eigentum des Großherzogs und ging 1918 in Staatseigentum über. 1954 wurde die
gemeindefreie Gemarkung aufgeteilt – hauptsächlich zwischen Langen,
Neu-Isenburg und Buchschlag. Zeppelinheim
erhielt ein kleines Gelände für sein Gewerbegebiet
östlich der B44.
Die Grenzsteine an der Gemarkungsgrenze von 1954
Auf
der Karte sind die aktuellen Gemarkungsgrenzen von Buchschlag mit den
jetzt noch vorhandenen Grenzsteinen zu sehen. Die roten Symbole
entsprechen den ehemaligen Landesgrenzsteinen (Y-HD), die blauen
Symbole die Gemarkungsgrenzen und die grünen Symbole die
Gütersteine, hier die "Eisenbahnsteine (s.u.). Man kann nun
verschiedene Abschnitte der "neuen" Gemarkungsgrenze im Mitteldicker
Wald unterscheiden.Abschnitt A-B: Dieser neu definierte Grenzabschnitt zwischen Buchschlag und Sprendlingen verläuft entlang der Feldschneise. Hier gibt es keine Grenzsteine.
Abschnitt B-C: Dieser Grenzabschnitt entspricht der alten Landesgrenze zwischen Hessen-Darmstadt und Isenburg (heute Gemarkungsgrenze zu Sprendlingen). Dort stehen sieben große Steine, deren Datenbätter hier verlinkt sind. Y-HD 73 / Y-HD 74 / Y-HD 75 / Y-HD 76 / Y-HD 77 / Y-HD 78 / Y-HD 79. Der letztgenannte Stein ist ein Dreimärker, an ihm treffen die Gemarkungen von Langen, Buchschlag und Sprendlingen zusammen. Dieser Grenzabschnitt ist ein Teil des DreyEicher Grenzweg an der Landwehr. Bemerkenswert sind die vielen Holzfiguren am Wegesrand.
Abschnitt
C-D:
An dem Dreimärker knickt die
Gemarkungsgrenze nach Nordwesten ab. Sie entspricht der alten
Grenze
zwischen Mitteldick und Langen. Längs des Wegs am Waldrand
entlang bis zur Main-Neckar-Bahn kann man vier Gemarkungssteine
finden. Sie bestehen aus Rotliegendem und besitzen
unterschiedliches
Aussehen. Sehr schön sieht man am Stein LABU 06 die
Beschriftung: auf der einen Seite "LL" für Landgraf Ludwig und
auf der anderen "L" für Langen. Auf der anderen Seite der
Bahnlinie findet man drei weitere unbeschriftete Steine im Wald. Die
"neue" Gemarkungsgrenze verlässt hinter der ehemaligen
Mülldeponie die historische Grenze und folgt der
Weidsee-Schneise bis zumAbschnitt D-E, der Bachgrundschneise entlang zum Isenburger Weg, wo erwartungsgemäß keine Grenzsteine zu finden sind.
Abschnitt E-G: Hier verläuft die Grenze wieder ein Stück des Isenburger Wegs entlang nach Osten. Man kommt an den Steinen Y-HD 38 / Y-HD 39 / Y-HD 40 vorbei. Dies ist wieder ein Stück des DreyEicher Grenzwegs. An der Bahnlinie sind wir dann an das Ende des Gangs entlang der 1954 festgelegten Buchschlager Gemarkungsgrenzen gelangt.
Die Eisenbahnsteine entlang der Main-Neckar-Bahn
Diese
Gütersteine sind kein Thema dieser Abhandlung über
Gemarkungssteine, zudem sind sie an anderer Stelle dieser Website (Main-Neckar-Bahn Markierungssteine)
ausführlich beschrieben. Nur so viel: Die Trasse der
Main-Neckar-Bahn wurde 1835 vermessen und besteint (aber erst 1846 in
Betrieb genommen). Jeweis ein Dutzend dieser Steine stehen
nördlich und südlich des Buchschlager Bahnhofs. Viele davon
sind mit einem "Fraktur E" gekennzeichnet, was wohl für
"Eisenbahn" steht. Im Februar 2024 konnte ein herausliegender Stein
dieser Serie vor dem Buschschlager Bahnhof aufgestellt werden (s. auch OP-Artikel).Schlussbemerkung
Früher wurde um die Gemarkungsgrenze zwischen Buchschlag und
Sprendlingen heftig gestritten. Seit dem "Zusammenschluss" im Jahr 1977 ist sie
politisch bedeutungslos geworden.
Historisch jedoch erzählen die Grenzsteine noch heute von Besitzansprüchen, Konflikten, Planungen und Fehlplanungen – und von der spannenden Entstehungsgeschichte Buchschlags.
Die Landkartenausschnitte stammen aus der Liegenschaftskarte Hessen, dem Bütger-GIS und aus OpenTopoMap.
Ddie Gemarkungskarten von Buchschlag stellte mir der Geschichtsverein Buchschlag zur Verfügung