Steine in der Dreieich
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Die Grenzen und Grenzsteine der Buchschlager Gemarkung


Im Januar 2026 erhielt ich eine E-Mail von Herrn Warzecha aus Buchschlag. Er habe in der Nähe des Bahnhofs Buchschlag einen Stein gefunden, der auf dieser Website bislang nicht erwähnt sei. Wir verabredeten uns, und ich folgte ihm auf einem BUMI 06Waldpfad („Alter Forstweg“) westlich des Bahnhofs. Nach wenigen Metern stießen wir auf einen schiefstehenden Basaltstein mit einer Grundfläche von 20 × 20 cm. Mir war sofort klar, dass er die ehemalige Gemarkungsgrenze zwischen Buchschlag und dem Domanialforst Mitteldick markierte. Wir legten eine Seite frei, auf der – wie erwartet – ein „G“ für „Gemarkung“ eingemeißelt war. Steine dieser Grenzlinie hatte ich bereits vor 15 Jahren vergeblich gesucht.

BUMI 06An der Einmündung der Falltorschneise in die Mitteldick-Schneise – nahe der Parallelstraße entlang der Bahnlinie – zeigte mir mein lokalgeschichtlich interessierter Begleiter einen umgefahrenen, fest im Boden liegenden Stein, der ebenfalls eindeutig zu dieser Grenzlinie gehört. Eine Woche später trafen wir uns erneut und richteten den schiefstehenden Stein wieder auf. Zwischenzeitlich hatte ich die Koordinaten der Grenzpunkte aus der Liegenschaftskarte auf mein iPhone übertragen. Auf diese Weise konnten wir drei weitere schief sitzende Gemarkungssteine entlang der Grenzlinie im Wald auffinden.

Die quaderförmigen Basaltsteine mit eingemeißeltem „G“ und einer Grundfläche von 20 × 20 cm hatte ich bereits vor etwa 15 Jahren entlang der Dreieichbahn entdeckt. Damals interpretierte ich sie als „Eisenbahnsteine“, die das Grundstück der Bahnlinie markierten. Heute ist klar: Es handelt sich – wie bei den nun westlich der Bahnlinie gefundenen Exemplaren – um Gemarkungssteine, die vermutlich um 1905 gesetzt wurden.

Diese neuen Erkenntnisse sind Anlass genug, sich näher mit den Gemarkungsgrenzen Buchschlags und ihren Veränderungen im Laufe der Zeit zu befassen.


Die Entstehung der Gemarkung Buchschlag 1905

Fuchs-Plan 1910Nach längeren Verhandlungen mit dem Großherzog erreichte die von Jakob Latscha gegründete „Wohnungsgesellschaft Buchschlag“ im Jahr 1904, dass die Großherzogliche Domanialverwaltung ein Gelände für die geplante Waldkolonie zur Verfügung stellte. Dieses Areal wurde begrenzt von der heutigen Buchschlager Allee, dem Bogenweg, dem Hengstbach und der Main-Neckar-Bahn (Plan1)

1905 wurde die eigenständige Gemarkung Buchschlag aus dem Domanialwald Mitteldick herausgelöst. Die Grenzen waren klar definiert: im Westen: die Main-Neckar-Bahn, im Süden: die Dreieichbahn, im Osten: die Gemarkung Sprendlingen, im Norden: der ehemalige isenburgische Forst Dreieich. Die östlichen und nördlichen Abschnitte entsprachen der historischen Landesgrenze zwischen Isenburg und Hessen-Darmstadt  (s. Plan 2, aus dem Buch "Buchschlag, Geschicht und Geschichten").



Die alte Westgrenze

Westgrenze BuchschlagEin Problem ergab sich jedoch: Das Bahnwärterhaus westlich des Bahnübergangs sollte sinnvollerweise auf Buchschlager Gemarkungsgebiet liegen. Daher führten die Geometer die Grenze um das Gebäude herum. Von dort lief sie in spitzem Winkel durch den Wald wieder auf die Bahnlinie zu. Genau in diesem Abschnitt stehen die neu entdeckten fünf Grenzsteine, die mehr oder weniger schief im Boden steckten und teilweise mit weißer Farbe markiert waren.


Die alte Südgrenze

DRB-SteineVom Bahnübergang aus verlief die Grenze etwa 400 Meter parallel zur Bahnlinie Richtung Süden, bevor sie die Main-Neckar-Bahn querte. Dort markierte der Stein DRB 01 den Verlauf. Anschließend überquerte die Grenze die Dreieichbahn (früher: „Nebenbahn Sprendlingen – Ober-Roden“) und traf auf Stein DRB 10. Von dort folgte sie der Bahntrasse, bis sie rund 200 Meter hinter dem Waldrand auf die historische Landesgrenze. Entlang der Bahnlinie konnte ich insgesamt 19 dieser Basaltsteine finden. Sie sind auf der Karte mit roten Punkten markiert. Aufgrund des dichten Bewuchses am Bahndamm dürften jedoch nicht alle erhaltenen Steine entdeckt worden sein.

Nördlich von DRB 10 befinden sich drei weitere Grenzsteine (in der Karte gelb markiert). Dabei handelt es sich jedoch nicht um Gemarkungsgrenzsteine, sondern um sogenannte Gütersteine. Sie grenzen das Eigentum der Deutschen Bahn vom Staatsforst ab. Diese gewölbten Steine bestehen aus rotem Sandstein. Die Vermessungsarbeiten für die Dreieichbahn erfolgten nämlich früher als die Festlegung der Buchschlager Gemarkungsgrenze.


Die alte Grenzline im Osten und Norden

BuchwieseDie Grenze entlang der Dreieichbahn verlief ca 200 Meter über den Waldrand hinaus und folgte dann der historischen Y-HD Grenze nach Norden bis zur Einmündung der Buchwaldstraße in die Eisenbahnstraße. Sie verlief quer durch das Gelände der damaligen Zahnfabrik. Das freie Geläde zwischen der Grenze und dem Waldrand war die "Buchwiese" (s. unten). Die Westseite der Buchwaldstraße bildete im weiteren Verlauf die Grenze. In diesem Abschnitt sind die Grenzsteine verloren gegangen. Am "Alten Grenzweg" stehen die Steine Y-HD N49 und  N48 und an der Grenze zum ehemaligen Forst Dreieich die Steine Y-HD N45,  N42 und N41. Der Stein Y-HDN 43 wurde in einem Buchschlager Privatgarten gesichert (s. Abb. unten).

Y-HD 49Y-HD 49Y-HD 49











Y-HD 43 PrivatgartenY-HD 42Y-HD 41











Die Abbildungen zeigen die Steine Y-HD N49, Y-HD N48, Y-HD N45, Y-HD N43, Y-HD N42 und Y-HD N41. Eine Besonderheit bei Stein Y-HD N45: Ein Zaunpfahl wurde in den Kopf des Steines einbetoniert. Hinter Stein Y-HD N41 stößt die Gemarkungsgrenze an die Main-Neckar-Bahn, womit wir die Gemarkung von 1905 einmal umrundet haben.
<Die Links hinter den Steinbezeichnungen leiten auf die entsprechenden Datenblätter, die im Bürger-GIS hinterlegt sind.>


Einschub: Der Buchschlager Friedhof

FriedhofsplanungDer Buchschlager Friedhof liegt nicht auf Buchschlager Gemarkungsgebiet, sondern im Domanialwald Mitteldick – und zudem relativ weit vom damaligen Gemeindezentrum entfernt.

Zwar ist nachvollziehbar, dass man ihn nicht in unmittelbarer Nähe der Sickergruben der Kanalisation anlegen wollte. Doch ebenso gut hätte man ihn gegenüber dem Bahnhof platzieren können – dort wäre er deutlich besser erreichbar gewesen.

Bemerkenswert ist, dass auf Plänen von 1905–1910 kein Friedhof eingezeichnet ist. Auf Friedhofeinem Messtischblatt von 1923 findet sich jedoch ein „Frdhf.“ nahe der Gehespitz-Schneise. Überträgt man diesen Ort auf den Plan von 1910, liegt die Vermutung nahe, dass ursprünglich ein Friedhof in der äußersten nordöstlichen Ecke der Gemarkung geplant war.

Warum wurde er dort nicht realisiert? Möglicherweise war das Grundstück als Bauland wertvoller als als Friedhofsfläche, die man im Domanialwald günstiger erhalten konnte. 

Allerdings handelt es sich bei diesen Überlegungen nur um begründete Spekulationen – solange keine entsprechenden Dokumente vorliegen.



Grenzänderung 1934: Landhauskolonie Breitensee

BreitenseeEine erste Änderung der Gemarkungsgrenze erfolgte 1934 im Zuge der Gründung der Landhauskolonie Breitensee.

Friedrich Moessinger, Eigentümer des Hofguts Mariahall in Sprendlingen, trieb ab 1932 die Vermarktung des Geländes einer ehemaligen Trabrennbahn voran. Während Sprendlingen das Projekt als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begrüßte, leistete das exklusive Buchschlag erbitterten Widerstand. Man befürchtete einen Wertverlust der Villengrundstücke.

Trotz der Proteste wurde der Bau genehmigt. Zur Beendigung der Auseinandersetzungen kam es Ende 1933 zu einer Umgemarkung: Breitensee wurde Teil von Buchschlag; im Gegenzug übernahm Buchschlag die Kosten für die Wasserleitungen. Bis 1940 entstanden 40 Häuser – deutlich günstiger als im Alt-Buchschlag.

Auf der Karte sind die ehemalige Gemarkungsgrenze in blau und die Standorte der historischen Landesgrenzsteine als gelbe Punkte eingezeichnet.



Grenzänderung 1948/49: Die Buchwiese

Buchwiese

Nach dem Krieg beantragte Sprendlingen die Umgemarkung der Buchwiese – des Areals zwischen Zahnfabrik, Dreieichbahn, Eisenbahnstraße und Waldrand. Buchschlag lehnte dies strikt ab. Die Begründung: „Zum Schutz der Eigenart muss die Gemeinde Buchschlag mit vollem Recht großes Gewicht darauf legen, daß die Buchwiese als „ästhetischer Schutzstreifen“ gegenüber der Gemeinde Buchschlag erhalten bleibt.“.

Die Umgemarkung erfolgte dennoch und die Buchwiese konnte bebaut werden. Auch die Zahnfabrik und die Gaszählerfabrik lagen jetz in der Sprendlinger Gemarkung. Sprendlingen versuchte später, einen Waldstreifen einzubeziehen, um die Westseite der Oisterwijker Straße (damals Ringstraße) bebauen zu können. Dies kam glücklicherweise nicht zustande.



Grenzänderungen 1954 durch die Auflösung der Gemarkung Mitteldick

Der frühere Domanialwald Mitteldick war ursprünglich Eigentum des Großherzogs und ging 1918 in Staatseigentum über. 1954 wurde die gemeindefreie Gemarkung aufgeteilt – hauptsächlich zwischen Langen, Neu-Isenburg und Buchschlag. Zeppelinheim erhielt ein kleines Gelände für sein Gewerbegebiet östlich der B44.

Sprendlingen und Buchschlag stritten sich um das Waldstück "Birkeneck" östlich der Main-Neckar-Bahn und südlich der Dreieichbahn. Sprendlingen erreichte zumindest, dass ein Teil dieses Geländes zur eigenen Gemarkung kam. Das Argument: Die Sportplätze am Wilhelmshof waren einer Wohnbebauung und einer Umgehungsstraße im Wege. Man wollte in diesem Waldstück eine große Sportanlage bauen. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Jetzt befindet sich der "Buch-Schlag" und der rekonstruierte Landwehrggraben auf Sprendlinger Gemarkungsgebiet.

Die Grenzsteine an der Gemarkungsgrenze von 1954

Gemarkung BuchschlagAuf der Karte sind die aktuellen Gemarkungsgrenzen von Buchschlag mit den jetzt noch vorhandenen Grenzsteinen zu sehen. Die roten Symbole entsprechen den ehemaligen Landesgrenzsteinen (Y-HD), die blauen Symbole die Gemarkungsgrenzen und die grünen Symbole die Gütersteine, hier die "Eisenbahnsteine (s.u.). Man kann nun verschiedene Abschnitte der "neuen" Gemarkungsgrenze im Mitteldicker Wald unterscheiden.

Abschnitt A-B
: Dieser neu definierte Grenzabschnitt zwischen Buchschlag und Sprendlingen verläuft entlang der Feldschneise. Hier gibt es keine Grenzsteine.

Abschnitt B-C: Dieser Grenzabschnitt entspricht der alten Landesgrenze zwischen Hessen-Darmstadt und Isenburg (heute Gemarkungsgrenze zu Sprendlingen). Dort stehen sieben große Steine, deren Datenbätter hier verlinkt sind.  Y-HD 73 / Y-HD 74 / Y-HD 75 / Y-HD 76 / Y-HD 77 / Y-HD 78 /  Y-HD 79. Der letztgenannte Stein ist ein Dreimärker, an ihm treffen die Gemarkungen von Langen, Buchschlag und Sprendlingen zusammen. Dieser Grenzabschnitt ist ein Teil des DreyEicher Grenzweg an der Landwehr.  Bemerkenswert sind die vielen Holzfiguren am Wegesrand.

LABU 05Abschnitt C-D: An dem Dreimärker knickt die Gemarkungsgrenze nach Nordwesten ab. Sie entspricht der alten Grenze zwischen Mitteldick und Langen. Längs des Wegs am Waldrand entlang bis zur Main-Neckar-Bahn kann man vier Gemarkungssteine finden.  Sie bestehen aus Rotliegendem und besitzen unterschiedliches Aussehen. Sehr schön sieht man am Stein LABU 06 die Beschriftung: auf der einen Seite "LL" für Landgraf Ludwig und auf der anderen "L" für Langen. Auf der anderen Seite der Bahnlinie findet man drei weitere unbeschriftete Steine im Wald. Die "neue" Gemarkungsgrenze verlässt hinter der ehemaligen Mülldeponie die historische Grenze und folgt der Weidsee-Schneise bis zum

Abschnitt D-E, der Bachgrundschneise entlang zum Isenburger Weg, wo erwartungsgemäß keine Grenzsteine zu finden sind.

Abschnitt E-G: Hier verläuft die Grenze wieder ein Stück des Isenburger Wegs entlang nach Osten. Man kommt an den Steinen Y-HD 38 / Y-HD 39 / Y-HD 40 vorbei. Dies ist wieder ein Stück des DreyEicher Grenzwegs. An der Bahnlinie sind wir dann an das Ende des Gangs entlang der 1954 festgelegten Buchschlager Gemarkungsgrenzen gelangt.


Die Eisenbahnsteine entlang der Main-Neckar-Bahn

EisenbahnsteinDiese Gütersteine sind kein Thema dieser Abhandlung über Gemarkungssteine, zudem sind sie an anderer Stelle dieser Website (Main-Neckar-Bahn Markierungssteine) ausführlich beschrieben. Nur so viel: Die Trasse der Main-Neckar-Bahn wurde 1835 vermessen und besteint (aber erst 1846 in Betrieb genommen). Jeweis ein Dutzend dieser Steine stehen nördlich und südlich des Buchschlager Bahnhofs. Viele davon sind mit einem "Fraktur E" gekennzeichnet, was wohl für "Eisenbahn" steht. Im Februar 2024 konnte ein herausliegender Stein dieser Serie vor dem Buschschlager Bahnhof aufgestellt werden (s. auch OP-Artikel).


Schlussbemerkung

Früher wurde um die Gemarkungsgrenze zwischen Buchschlag und Sprendlingen heftig gestritten. Seit dem "Zusammenschluss" im Jahr 1977 ist sie politisch bedeutungslos geworden.

Historisch jedoch erzählen die Grenzsteine noch heute von Besitzansprüchen, Konflikten, Planungen und Fehlplanungen – und von der spannenden Entstehungsgeschichte Buchschlags.



Die Landkartenausschnitte stammen aus der Liegenschaftskarte Hessen, dem Bütger-GIS und aus OpenTopoMap.

Ddie Gemarkungskarten von Buchschlag stellte mir der Geschichtsverein Buchschlag zur Verfügung